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Frauen im Kfz-Gewerbe

Die Geschichte des Automobils ist eine Geschichte von Innovation, Mut und technischem Pioniergeist. Doch während Namen wie Carl Benz oder Henry Ford allgegenwärtig sind, geraten die Frauen, die die Automobilwelt mitgeprägt haben, oft in Vergessenheit. Dabei gehen bahnbrechende Erfindungen wie Scheibenwischer, Fahrzeugheizung, Blinker oder Bremslichter auf kluge Köpfe wie Mary Anderson, Margaret A. Wilcox oder Florence Lawrence zurück. Und wer wagte 1888 die erste Fernfahrt der Geschichte? Bertha Benz – ohne deren mutige 104-Kilometer-Tour von Mannheim nach Pforzheim hätte ihr Mann Karl Benz vielleicht nie den Durchbruch geschafft. 1927 umrundete Clärenore Stinnes als erste Person die Welt im Auto. Diese Pionierinnen bewiesen Entschlossenheit, Weitblick und technisches Gespür – Eigenschaften, die heute mehr denn je in der Kfz-Branche gefragt sind.

Doch während der Frauenanteil in technischen Berufen lange verschwindend gering war, zeichnet sich seit einigen Jahren ein stiller, aber eindrucksvoller Wandel ab: Immer mehr Frauen entdecken das Kfz-Gewerbe für sich. Und sie bringen nicht nur frischen Wind in die Werkstätten, sondern auch neue Perspektiven, Kreativität und Lösungsansätze, die die Branche dringend braucht.

Zahlen, die Hoffnung machen

Die Statistiken des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigen: Der Anteil weiblicher Auszubildender im Kfz-Bereich steigt kontinuierlich. 2024 erreichte die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Kfz-Gewerbe den höchsten Stand seit 20 Jahren – und ein beträchtlicher Teil dieses Wachstums geht auf das Konto von Frauen – Kfz-Mechatronikerinnen z.B. 2023 begannen 1.509 junge Frauen eine Ausbildung in diesem Beruf – ein Anstieg von 52,5 % seit 2019. Ihr Anteil liegt zwar erst bei 6,2 %, doch die Dynamik ist unübersehbar.

Oder Automobilkaufleute: Hier ist der Frauenanteil mit 40,5 % bereits deutlich höher – ein Plus von 23,3 % in nur sechs Jahren. Die Zahl der Fahrzeuglackiererinnen einen Zuwachs von 33 % seit 2019. Das mag auf den ersten Blick bescheiden wirken, doch die Zahlen zeigen: Etwas bewegt sich. Und diese Bewegung ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ spürbar.

Neben der Ausbildung zeigen sich auch in Fortbildungsinstitutionen und Prüfstellen steigende Frauenanteile – wenn auch von einem niedrigen Niveau aus. Ein Beispiel ist die KÜS-Akademie, eine der führenden Einrichtungen für Prüfingenieure in Deutschland. Hier liegt der Frauenanteil aktuell bei 2,5 % – doch im Vergleich zu vor 20 Jahren hat er sich verzehnfacht. Allein in den letzten zehn Jahren gab es ein Wachstum von 127 %.

„Angesichts des steigenden Fachkräftemangels gewinnt diese Entwicklung zunehmend an Bedeutung“, betont Sebastian Finkler, Leiter der KÜS Akademie GmbH. „Wer qualifizierte Frauen gewinnen will, muss bereit sein, neue Wege zu gehen.“ Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle, gezielte Förderprogramme und eine Kultur, die Vielfalt nicht nur duldet, sondern aktiv fördert.

Vielfalt als Erfolgsfaktor

Die Kfz-Branche steht vor historischen Herausforderungen. Digitalisierung z.B. ermöglicht vernetzte Fahrzeuge, KI kommt u.a. in Diagnosesystemen zunehmend zum Einsatz. Alternative Antriebe, allen voran die E-Mobilität aber auch der Einsatz von Kraftstoffen wie Wasserstoff oder Synthetische Kraftstoffe setzt bisher kaum genutzte Techniken voraus. Genauso erfordert Autonomes Fahren neue Sicherheitsstandards und Prüfverfahren. „Diese Veränderungen erfordern vielfältige Teams, neue Denkansätze und unterschiedliche Erfahrungswelten“, erklärt Peter Schuler, Hauptgeschäftsführer der KÜS. Frauen bringen dabei oft andere Perspektiven, kommunikative Stärken und ein hohes Maß an Problemlösungskompetenz ein – Fähigkeiten, die in einer sich wandelnden Branche unverzichtbar sind.

Die Zukunft des Kfz-Gewerbes ist weiblich

Die Beispiele von Nicole Ebert-Hofer, Gabriele Baur und Alexandra Blum zeigen: Frauen können im Kfz-Gewerbe nicht nur bestehen, sondern glänzen. Die Branche hat erkannt, dass sie Vielfalt braucht, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Doch der Wandel ist noch nicht abgeschlossen. Es gilt, Strukturen zu schaffen, die Frauen langfristig halten – und junge Mädchen zu ermutigen, technische Berufe als echte Option zu sehen.

„Die Zukunft gehört denen, die Mut zur Veränderung haben“, sagt Peter Schuler. „Und dieser Mut ist weiblich.“