In einem Interview berichtete Sozialministerin Aminata Touré über das Praktikumsprojekt für Geflüchtete, das auf Initiative des Landesverbandes gestartet wurde.
Wie kam es zu dieser Initiative?
Der Kfz-Verband saß bei mir am Tisch im Ministerium und sagte: „Wir haben Plätze für Praktika und Ausbildung, und wir brauchen Menschen.“ Das passte gut zu meiner festen Überzeugung, dass wir ganz viele Geflüchtete in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Schleswig-Holstein haben, die voller Energie, voller Freude sind und Lust haben zu arbeiten, ein Praktikum zu machen.
Wie lange sind Menschen durchschnittlich in Schleswig-Holstein in Erstaufnahme-Einrichtungen?
Ungefähr drei Monate. Diese Zeit muss genutzt werden. Das hilft den Geflüchteten und der Wirtschaft. Die Landesregierung hat deshalb im vergangenen November beschlossen, jährlich Mittel in Höhe von fünf Millionen € aufzuwenden, um die Arbeitsmarkt-Integration von Geflüchteten zu verstetigen. Eine Million davon steht meinem Ressort und dem Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge zur Verfügung. Damit haben wir Strukturen geschaffen, um die Geflüchteten von Tag eins an in Arbeit zu bringen.
Wie lange dauert es bislang in Deutschland, um geflüchtete Menschen in Arbeit zu bringen?
Dazu gibt es Untersuchungen, die zeigen: Es sind sechs bis sieben Jahre. Das wollen wir als Landesregierung beschleunigen. Deshalb fragen wir in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit direkt nach der Ankunft die Qualifikation und berufliche Erfahrung ab. Außerdem sollen die Ankommenden in den ersten drei Monaten schon einmal eine sprachliche Förderung erhalten.
Was dauert so lange?
Das sind unter anderem die Asylverfahren. Die dauern je nach Bundesland zwischen sechs und 16 Monaten. Schleswig-Holstein liegt im Mittelfeld. Ein Ziel sollte also die Beschleunigung dieser Verfahren sein – gerade dann, wenn die Betreffenden in einem Praktikum oder einer Ausbildung sind.
Wie kommt es dazu, dass immer wieder davon berichtet wird, dass Menschen, die bereits in den Arbeitsmarkt integriert sind, abschoben werden?
Dieser Punkt betrifft vor allem das Dublin-Verfahren. Menschen, die in einem europäischen Land ankommen und dann nach Deutschland weiterreisen, haben hier kein Bleiberecht. Diese Tatsache führt zu Phänomenen, die viele nicht verstehen, dass nämlich jemand, der z.B. eine Ausbildung begonnen, manchmal sogar abgeschlossen hat oder sogar in Arbeit gekommen ist, plötzlich abgeschoben wird. Das sind in vielen Fällen Menschen, auf die das Dublin-Verfahren angewandt wird. Der Rahmen dafür wird durch europäisches und deutsches Recht bestimmt. Das sogenannte Selbsteintrittsrecht, also die Übernahme der Zuständigkeit durch ein Land, in dem sich jemand befindet, der aus dem europäischen Ausland nach Deutschland gekommen ist, sollte früher greifen, gerade in Fällen, in denen jemand bereits in Ausbildung oder Arbeit ist. Für mich repräsentieren diese Personen, die es als Geflüchtete in Ausbildung oder Arbeit geschafft haben, Erfolgsgeschichten, die nicht durch eine Abschiebung beendet werden sollten.
Wie sieht es mit der Anerkennung von Abschlüssen aus?
Wir haben seit vergangenem November im Landesamt für soziale Dienste und Gesundheit mehrere Stellen geschaffen für die Prüfung von beruflichen Abschlüssen. Oft dauert es sehr lange, bis ein Anerkennungsverfahren begonnen und abgeschlossen wird, weil es an Personal fehlt. Das soll durch die geschaffenen Stellen jetzt deutlich schneller gehen.
Was kann die Initiative bewirken?
Diese Initiative ist für mich Ausdruck des gemeinsamen Wunsches der Politik und der Wirtschaft Hürden abzubauen. Meine Vorstellung ist, dass bis zum Ende der Legislatur, also bis 2027, jede Person, die in Schleswig-Holstein in einer Erstaufnahme-Einrichtung ankommt und bleiben darf, diese Einrichtung mit einer beruflichen Perspektive verlässt. Das kann ein fester Job oder ein Ausbildungs- oder Praktikumsplatz-Angebot sein. Heute, bei diesem Termin im Autohaus Süverkrüp, zeigt sich exemplarisch: Es braucht die Initiative der Wirtschaft und den Mut der Verwaltung, um so etwas voranzubringen. Ich bin mir sicher, dass dies ein Leuchtturm-Projekt sein kann und wir so etwas in dieser Form für alle Menschen, die in Schleswig-Holstein ankommen, auf den Weg bringen können.